Alles Zufall 12

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Alles Zufall

12.

Ich drückte den Knopf, damit die Tür aufglitt und Commander MPacho machte gleich einen Schritt in meinen Raum, die Arme wie fast immer hinter dem Rücken verschränkt. Und auch fast wie immer kam er gleich zur Sache, ohne sich mit überflüssigem Zeug wie Höflichkeiten oder einer Begrüssung aufzuhalten.
„Kadett Longest wird wie ursprünglich geplant am Adjudanten-Projekt teilnehmen“. Da hätte er auch gleich direkt mit dem Phaser auf meinen Kopf zielen und abdrücken können. Wenn Brad drin war, dann war ich wieder raus. Doch ich spielte den Gelassenen. Ganz wie damals im Space-Hotel, nachdem ich das erste mal einen Vulkanier traf und ihn durch einen Witz aufheitern wollte, weil er so emotionslos auf die von mir gereichte Rechnung schaute.
„Nett, dass sie extra persönlich vorbei kommen, um mir das mitzuteilen. Ich hoffe, sie haben das auch gleich der Lehrerschaft verkündet, damit diese nicht weiterhin versuchen, den kompletten Jahreslernstoff in wenigen Wochen in meinen Kopf zu bekommen“. Commander MPacho zog geschätzte drei Zentimeter die rechte Augenbraue hoch und sagte: „Meine Aussage bedeutet nicht, dass sie wieder wie üblich rumgammeln können. Sie sind nach wie vor am Projekt beteiligt. Vielmehr bin ich zu ihnen gekommen, da der Start des Projektes aus diversen Gründen vorgezogen wird. Sie haben noch eine Woche zur Erledigung dieses theoretischen Kleinkrams, dann startet für sie beide das Projekt“.
Er reichte mir einen kleinen Koffer, den ich vorher gar nicht gesehen hatte. „Hier drin finden sie alle wichtigen Unterlagen und Utensilien, mit denen sie sich in der kommenden Woche vertraut machen. Klingonisch lernen sie auch nebenbei. Carpe diem!“

Während ich den Koffer in meiner Hand anschaute hörte ich das zischende Schliessen der Tür. Weg war er wieder. Das ging alles so schnell, ich musste mich erstmal hinsetzen und alles im Geiste noch mal wiederholen. Brad wird doch Adjudant, ich bleibe Adjudant und schon nächste Woche soll es los gehen. Nutze den Tag. Was geht da vor? Warum hat sich „der“ Ausschuss nun anders entschieden? Warum wurde der Termin so weit vorgezogen? Wieso ist Commander MPacho nicht etwas gesprächiger? Warum zitiert er lateinische Redewendungen? Wann sollte ich den ganzen Stoff lernen? Werde ich in der kommenden Woche Zeit zum Schlafen finden? Wusste Brad schon von all dem? Es hatte keinen Sinn, darüber nachzugrübeln, ich kontaktierte Brad und erreichte ihn sofort. Offenbar war er schon im Bilde, hätte ich mir auch denken können.
„MPacho war persönlich bei dir? Cool! Ja, ich habe auch so einen Koffer, ist aber fast nur unwichtiges Zeug drin, mach dir da drüber keine Gedanken“. Ich hatte kurz in den Koffer geschaut und fand einen riesigen Haufen von Formularen und Anweisungen, unter anderem eine Art Verhaltenskodex im Umgang mit Klingonen. Natürlich auf klingonisch, soviel zum nebenbei lernen. Ein paar technische Geräte waren dort auch drin, mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Da war ein Kommunikator zum Anstecken an die Brust, der aber noch nicht aktiviert war, eine Art Tricorder, aber viel kleiner als die hier üblichen und extra ein kleines Gerät zum Vermessen meines Körpers und speichern der Daten, damit die Uniform auch haargenau passt. Jedes Teil war begleitet von etlichen Anleitungen, Hinweistexten und zu unterschreibenden Formularen. Ich folgte dem Hinweis von Brad und machte mir keine Gedanken darüber. Brennender interessierte mich, wie es denn nun dazu kam, dass er doch „dabei“ ist.
„Mein Vater kennt einige wichtige Leute. Einer vom Ausschuss war sogar mal Gruppenleiter unter der Führung meines Vaters. Und mein Vater hat entschieden, dass wir mit Marlin noch etwas Zeit brauchen, oder besser Marlin noch einige Zeit benötigt, um ihrem zukünftigen Stand gerecht zu werden“.
Brads Vater war zwar einer der coolsten Menschen, die ich kannte, aber er hatte gewisse Prinzipien und Ansichten, die keiner in Frage stellte, wenn er auf Dauer in seiner Nähe verbleiben wollte oder musste. Marlin sollte also in der Zeit, in der Brad und ich als Adjudanten im All unterwegs sein würden, ihre eigene Persönlichkeit, ihr Verhalten, ihren Umgang und vielleicht auch ihre Vergangenheit soweit aufpolieren, dass es Herr Longest Senior ins Weltbild passte.
Jetzt musste ich nur noch erfahren, wie das alles zusammen hängt.

(Fortsetzung folgt)

(Anmerkungen zu Teil 12)

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