Die Regatta der E-Bikes

Bei Segelbooten heisst es „Zwei Boote sind eine Regatta“. Und es stimmt: Sobald man einen anderen Segler auf annähernd gleichem Kurs in der Nähe hat, guckt man, ob man nicht noch etwas schneller werden kann, um den anderen zu versägen. Ich musste nun beobachten: Bei E-Bikes ist es ähnlich.

Mein E-Bike (Jaha, eigentlich ein Pedelec) fährt so circa 25,6 km/h laut Tacho. Damit ist gemeint: Mit Unterstützung. Natürlich kann ich auch schneller fahren, aber dann muss ich meine Kraft zu 100% einbringen statt sanft dahin zu gleiten. Je nach Kombination aus gewählter Unterstützungsstufe und eingelegtem Gang kann die erreichbare Geschwindigkeit auch mal 26,2 km/h betragen. Ich vermute, die Regelsoftware ist sehr simpel gestrickt und darauf optimiert, mit sehr wenig Rechenpower und wenig Speicherplatz zu funktionieren. Deswegen rundet sie z.B. recht großzügig (bzw. schneidet Nachkommastellen einfach ab), was eben dazu führen kann, dass nicht exakt bei 25 sondern eben später die Unterstützung beendet wird. Und das sollte man nicht unterschätzen – Ein km/h sind hier ca. 4%. Wer denkt, das sei wenig: Wie wäre es mit 4% mehr Gehalt? Na siehste.
Dazu kommt, dass ich beim Einrichten des Rades eine etwas kleinere Reifengröße ausgewählt habe (eigentlich nur, weil die real vorhandene nicht zur Auswahl stand). Ein kleineres Rad muss sich für eine definierte Geschwindigkeit häufiger drehen.  Und bei dieser Drehzahl ist wiederum ein größeres Rad schneller… klar soweit? Aber genug mit Mathematik.

Wenn man mit dem E-Bike unterwegs ist, dann wird einem bald klar: Man ist schneller als die gewöhnlichen Treter, auch und gerade beim Start an der grün werdenden Ampel. Und dann will man möglichst vorne sein, weil die anderen sonst so blöd vor einem rumeiern und nicht in die Hufe kommen und man später Probleme hat, die zu überholen. Und dann sind da ja noch die anderen eBiker. Bei denen weiß man nie, wie flott die wirklich sind. 25 schaffen sie alle, so der Fahrer will (und alle wollen), aber schaffen die auch mehr? So strampelt man betont gelassen geradeaus, aber immer mit einem diskreten Seitenblick auf die anderen. Ist das ein E-Bike? Wo isn der Akku? Will der etwa vorbei? Wie schnell bin ich eigentlich? Kann ich das Gefälle da vorne nutzen? Habe ich den besseren Kurs, muss der vielleicht gleich bremsen? Rammt ihn gleich das aus der Einfahrt kommende Auto und ich bin dann vor ihm? Eine permanente E-Bike-Regatta mit stetig wechselnden Teilnehmern mitten im Verkehrsgewusel.

Man könnte annehmen: Nur ich in meiner wilden Phantasie mache mir während der Fahrt solche Gedanken, aber ich mir sicher: Nein, das machen die alle. Wenn man mal darauf achtet, wie sie bewusst uninteressiert unter ihren blöden Helmen in die Ferne schauen, nachdem sie es gerade geschafft haben, sich so ganz knapp vor einen zu quetschen, dann erkennt man: Innerlich bersten sie fast vor Stolz und klopfen sich selbst mental auf die Schultern. Pöh. Dafür hat mein eBike keine zig tausend Euro gekostet, soh.

Neulich war da sogar einer neben mir, der hatte gar kein „E“ im Bike. Aber der konnte es offenbar nicht verknusen, das man an ihm vorbei wollte und er trat mächtig rein. Vielleicht war es auch einer von diesen oberflächlichen Weltverbesserern, der immer zeigen muss „guck, so wie ich es mache, ist es richtig, so müssen es alle machen“. Denn komischerweise scheinen unter den Pseudo-Hardcore-Ökos die elektrischen Fahrräder verpönt zu sein. Was bei Autos total toll und wichtig ist und die einzige Chance, uns alle zu retten (oder so ähnlich), geht beim Fahrrad ja mal gar nicht. Da gehört es sich, zu strampeln und zu schwitzen. Aber ich merke gerade: Das ist ein anderes Thema.

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